Kind Kaputt - Ins Blau
Mit ihrem dritten Album positionieren sich Kind Kaputt weiter zwischen Punk und alternativer Klangästhetik. "Ins Blau" ist kein lautstarkes Aufbegehren im klassischen Sinn, sondern ein sehr persönliches, beinahe therapeutisches Album über Erwartungsdruck, Selbstzweifel und das Gefühl, im eigenen Leben manchmal nur am Rand zu stehen.
Die Band klingt auf diesem Album erwachsener, ohne dabei weniger direkt zu sein. Statt reiner Punkrock-Attitüde setzt "Ins Blau" stärker auf Dynamik, Atmosphäre und musikalische Variation. Der Sound öffnet sich, bleibt aber klar in der emotionalen Sprache der Band verankert.
Die Texte fühlen sich nicht konstruiert an, sondern echt erlebt. Kind Kaputt schreibt über die Unsicherheit im Alltag, den Druck, mit dem Schritt zu halten, und die stille Angst, nicht genug zu sein. Dabei vermeiden sie Pathos und komplizierte Metaphern. Viele Zeilen wirken wie Gedanken, die man nachts selbst schon einmal hatte.
Ein zentraler Kern des Albums ist "Wie man lebt". Die Antwort auf die großen Lebensfragen ist hier bewusst einfach: einfach anfangen. aufhören. Was vorher war, ist egal, und was danach kommt, ergibt sich einfach. Die Radikalität der Reduktion wirkt erst mal ernüchternd, aber genau das hat eine beruhigende Wirkung. Das Album sagt nicht, dass alles gut wird, sondern dass man den Druck, alles sofort lösen zu müssen, loslassen kann.
Musikalisch hat "Fernglas" echt überrascht. Der Song hat einen langsameren Groove, viel Raum und Kopfstimme. Hier sieht man, dass Kind Kaputt den Mut hat, ihren Klang zu erweitern. Es ist nur kurz die Gefahr da, in einen zu weichen oder stilistisch fremden Bereich abzurutschen, aber die wird souverän umschifft.
Zu den stärksten Momenten des Albums gehört "Teufel". Der Song ist wie ein innerer Dialog über Kompromisse, über die Grenze zwischen Selbstbehauptung und Anpassung. Die Zeile über das verkaufte Herz zeigt, dass persönliche Verantwortung und Verletzlichkeit sich überschneiden.
Auch "Angst" ist echt gut aufgebaut. Die Gitarrenatmosphäre trägt den Song, während elektronische Effekte nur punktuell eingesetzt werden. Es ist interessant, dass die Angst nicht nur als Reaktion auf die Welt verstanden wird, sondern auch als Teil des eigenen Selbstbildes.
Die Zusammenarbeit mit HAXAN030 auf "Gleich" bringt einen zusätzlichen Kontrast ins Album. Der Song zeigt, dass die Band sich nicht an Genregrenzen orientiert, solange die emotionale Grundhaltung stimmt.
Ein weiteres Markenzeichen von "Ins Blau" ist, dass es einem wirklich Trost spendet, ohne dabei in einfache Motivationsparolen zu verfallen. "So weit" bringt das vielleicht am besten rüber: Jeder kann machen, was er will. Das Leben geht weiter, auch wenn wir uns manchmal selbst mehr Schwierigkeiten machen, als nötig.
Das Album hätte scheitern können, wenn es sich zu sehr auf bekannte Punkrockstrukturen verlassen hätte. Stattdessen zeigt sich Kind Kaputt musikalisch offener und variabler, ohne ihre Identität zu verlieren. Gerade diese Balance macht den Reiz von "Ins Blau" aus.
Am Ende bleibt ein Eindruck von Wut und Hoffnung gleichzeitig. Wut über gesellschaftliche und persönliche Erwartungen, Hoffnung darauf, dass es trotzdem weitergeht, wenn man einfach beginnt. "Ins Blau" ist kein großes Ausbruchsalbum, sondern ein leises, ehrliches Werk über das Ankommen im eigenen Leben.
Für Hörerinnen und Hörer, die auf Alternative- und Punkmusik stehen und dabei auch gerne mal emotional tiefgründig sind, ist das Album eine Empfehlung.