Altin Gün - Garip
Es gibt Platten, die brauchen nicht so ein großes Marketing. Garip ist so eine. Dieses Album klingt nicht wie der nächste Global-Psych-Hype, sondern wie eine bewusste Rückkehr zum Kern. Altin Gün greifen tief in den Katalog von Neşet Ertaş und zeigen, dass Traditionspflege dann spannend wird, wenn sie als Haltung verstanden wird und nicht als Folklore-Event.
Garip erscheint am 20. Februar 2026 bei Glitterbeat Records und versammelt zehn Neuinterpretationen aus dem Werk des großen anatolischen Barden Ertaş, der ungefähr dreißig Alben rausgebracht hat. Altin Gün haben da ihre eigene Tradition. Das Lernen ist ein lebendiger Prozess.
Klingt wie eine Retro-Reise von Air in die Türkei. Ein tief grollender, extrem warmer Bass. Drums mit diesen lässigen Fill-Ins, die eher schweben als treiben. Saxofonlinien, die nicht glänzen wollen, sondern sich einfach in den Raum legen. Hier und da Streicher, die mehr Atmosphäre schaffen als Pathos. Es ist dieses leicht verstaubte Studiogefühl, das zwischen Vintage-Synth und Proberaum oszilliert.
Eigentlich geht's hier gar nicht so sehr um traditionelle türkische Musik. Es geht um Retro-Vibing mit Popmelodien, die durch die türkische Melodieführung im Gesang eine eigentümliche Schärfe bekommen. Die Skalen kippen ins Ungewohnte, während die Instrumentierung fast schon gemütlich wirkt. Genau da entsteht die zentrale Spannung des Albums.
Musik und Gesang scheinen sich zu widersprechen. Die Band macht ihr Ding, fast schon selbstgenügsam. Der Gesang geht in eine andere Richtung, klagt, windet sich, sucht Reibung. Und trotzdem fügt sich alles zusammen. Diese Spannung trägt das gesamte Werk. Wenn die Arrangements zu sehr ins Muckertum abdriften, wenn das bloße Jammen wichtiger wird als die Dramaturgie des Songs, verliert Garip an Kraft. Die stärksten Momente entstehen da, wo man sich zurücknimmt und die Melodie ihren Lauf nehmen kann.
Wer den Kontext von Neşet Ertaş nicht kennt, dem fehlt es an nichts, denn die Songs funktionieren auch einzeln und ohne Kontext. Altin Gün holen das Beste aus dem Song heraus und machen dann ihren eigenen, unverwechselbaren Sound draus. Seit ihrem Debütalbum ist die Band nicht mehr so nah am psychedelischen Grundton gewesen.
Gleichzeitig ist Garip weniger poppig und weniger offensichtlich Psych-Rock. Mehr Atmosphäre, mehr Fluss, weniger Single-Appeal. Am Ende bleibt nicht Weltmusik, sondern Retro-Charme. Das Album hat eher einen kraftvollen als einen ruhigen Klang.
Was fehlt, sind diese glänzenden Momente, die Merve Daşdemir der Band in den ersten fünf Alben verliehen hat. Die klare, fast schwebende Präsenz hat einen tollen Kontrast geschaffen und die Songs so richtig geöffnet. Hier bleibt vieles im warmen Kollektivsound hängen. Das kann man geschlossen nennen. Oder etwas zu homogen.
Garip ist kein Befreiungsschlag. Es ist eine Standortbestimmung. Die Platte zeigt, dass Altin Gün auch weiterhin Musik als Prozess denkt. Und vielleicht liegt genau darin ihre Stärke.