Philipp Wisser - 5th Dimension

13.03.2026 | Dennis Gerke

JazzSick Records / The Orchard, VÖ 13.03.2026, LP, CD und digital.

Ich habe diese Platte absichtlich blind gehört. Keine Presseinfo vorher. Ich wollte mich reinfallen lassen und schauen, was die Musik ohne Gebrauchsanweisung mit mir macht. Das Ergebnis ist ernüchternd: Es ist kaum etwas hängengeblieben. Keine Improvisation, an die ich mich am nächsten Tag erinnert hätte, keine Melodie, die sich festgesetzt hat, keine Produktionsentscheidung, die mich aufhorchen ließ. Was ich gehört habe, war handwerklich einwandfreier, moderner Jazz. Mehr aber auch nicht.

Dabei bringt Philipp Wisser einiges mit. Der Düsseldorfer Gitarrist und Komponist hat unter anderem an der Folkwang Universität in Essen und mit Stipendium am Berklee College of Music studiert und 2021 mit Just a Glimpse ein Debüt vorgelegt, das in der deutschen Jazzpresse überwiegend freundlich aufgenommen wurde. Für 5th Dimension hat er sich mit Christoph Klenner am Tenorsaxofon, der schon auf dem Debüt spielte, Conrad Noll am Bass und Daniel Guerrero am Schlagzeug zum Quartett formiert, im Titelstück kommt Vincent Pinn am Flügelhorn dazu. Über zwei Jahre hat die Band am Material gearbeitet, eingespielt wurde live und ohne Overdubs. Das klingt nach einem Album, das mir liegen müsste.

Tut es aber nicht. Die Musiker beherrschen ihre Instrumente, das Zusammenspiel sitzt, niemand blamiert sich. Nur passiert eben auch nichts, was über solides Genrehandwerk hinausgeht. Keine Experimente, keine sprudelnden Ideen, keine mutigen Arrangements. Am meisten Spaß hatte ich noch mit den ersten beiden Stücken der B-Seite: dem längeren, wenigstens etwas dramatischen Titelstück und dem groovigeren, dringlicheren Kopenhagen. Da blitzt kurz auf, was dieses Quartett sein könnte, wenn es sich mehr trauen würde.

Dann habe ich die Presseinfo gelesen, und meine Skepsis wurde eher größer. Dort wird ein ganzes Theoriegebäude aufgefahren: Der Titel verweise auf den fünften Oberton, aus dem sich die Terzverwandtschaften der Harmonien ableiten, dazu die lange Entstehungszeit und das Live-Einspielen als Ausweis von Ernsthaftigkeit. Bemerkenswert ist, dass der Text sich gleich selbst wieder einfängt. Wisser räumt ein, dass die Oberton-Erkenntnis keine neue ist, dass Live-Einspielen allein kein Qualitätskriterium sei und dass bei manchen Stücken zwei komplette Takes kombiniert wurden. Was bleibt dann übrig? Für mich der Eindruck, dass hier eher unauffälliges Material nachträglich akademisch aufgeladen wird, statt dass ein starkes Konzept hörbar eingelöst würde. Verkopfung als Ersatz für Substanz, das überzeugt mich nicht.

Ich bin damit offenbar nicht allein. Schon zum Debüt schrieb Martin Hufner in der HörBar der neuen musikzeitung, an der Platte sei nichts auszusetzen außer der Tatsache, dass sich nichts an ihr aussetzen lasse. Genau dieses Gefühl hatte ich bei 5th Dimension auch. Mir fehlt das Risiko, das Ungewöhnliche, der Moment, in dem eine Band die eigene Komfortzone verlässt.

Die physische Ausgabe macht es nicht besser. Das Cover mit dem unscharfen weißen Kreis auf blauem Grund gefällt mir gut, das schwarze Vinyl ist solide gepresst. Innen aber: nichts. Keine Linernotes, keine Erläuterung der Obertonidee, kein Versuch, die Theorie aus dem Pressetext auch denen zu vermitteln, die die Platte kaufen. Ausgerechnet das Album, das sein Konzept so ausführlich erklärt bekommt, lässt seine Hörer damit allein.

Das Fazit fällt mir deshalb leichter, als mir lieb ist: 5th Dimension dokumentiert einen Arbeitsprozess, aber kein zwingendes Hörerlebnis. Die Schönheit des Einfachen, die Wisser beschwört, hätte ich gern gehört statt nur erklärt bekommen.

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