Michael Moravek & Electric Traveling Show - Georg
10.04.2026 | Dennis Gerke
TYXart, VÖ 10. April 2026, LP, CD und digital.
Diese Platte kam als Bemusterung zu mir, ohne dass ich vorher irgendeinen Bezug zu Michael Moravek gehabt hätte. Und ich gebe zu: Der erste Eindruck hat mich nicht abgeholt. Ein gemaltes Cover mit einem Mann und Quetschkommode, dazu die Ankündigung eines Konzeptalbums über die Hitlerzeit. Lieder über diese Epoche reizen mich erst einmal nicht. Aber genau dafür gibt es das unvoreingenommene Reinhören. Und das hat sich hier gelohnt.
Worum es geht: Michael Moravek widmet sein Album GEORG dem Widerstandskämpfer Georg Elser, jenem schwäbischen Schreiner, der im November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller einen Sprengsatz zündete und Hitler nur um dreizehn Minuten verfehlte. Elser wurde noch am selben Abend an der Konstanzer Grenze zur Schweiz festgenommen und am 9. April 1945 im Konzentrationslager Dachau ermordet. Das Album erscheint in Verbindung zum Jahrestag seines Todes, und laut der Georg-Elser-Gedenkstätte Königsbronn ist es das erste musikalische Gesamtwerk, das sich ausschließlich dieser Figur widmet. Entstanden sind die Songs für die Bühnenproduktion 13 Minuten, die Moravek 2024 gemeinsam mit dem Schauspieler Bernd Wengert am Theaterhaus Stuttgart aufgeführt hat. Dazu muss man wissen: GEORG ist nach November, Lost, Dream und Night Songs sein erstes deutschsprachiges Album, nach einer englischsprachigen Diskografie, die ihm zuletzt mit Night Songs eine Nominierung für den Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik eingebracht hat. Eine englischsprachige Schwesterplatte namens ELSER mit anderen Arrangements soll Ende des Jahres folgen.
So weit der Kontext. Entscheidend ist, wie das klingt. Und da hat mich die Platte schnell auf ihre Seite gezogen. Die Aufnahme ist hochwertig und differenziert, sehr nah dran am Gesang und an den teils ungewöhnlichen Instrumenten. Moraveks Stimme ist unaufgeregt, mit einem leichten Liedermacher-Einschlag, aber durchweg solide und professionell. Was mich wirklich begeistert, ist das Schlagzeugspiel: dezent gedämpfter Jazz, dazu gezielt gesetzte Beckenschläge, die mit einem langen, feinen Sirren ausklingen. Überall im Klangbild verstecken sich kleine perkussive Farbtupfer, mal ein Gong, mal ein hölzernes Klappern, ein Rasseln oder Scheppern, dann wieder der klare Ton eines Klangstabs. Getragen wird das Ganze von Piano, Akustikbass und Schlagzeug, interessant machen es Mandoline, Banjo und Viola. Die Band, Moraveks Electric Traveling Show, spielt das mit hörbarer Sorgfalt.
Das Ergebnis ist Musik, der man mühelos zuhören kann. Man lehnt sich zurück und lauscht den Worten, während im Hintergrund immer irgendwo ein Detail arbeitet. Das bleibt über die gesamte Spielzeit interessant, weil die Songs untereinander verschieden genug sind und trotzdem eine gemeinsame Grundstimmung halten. Überrascht hat mich, wie hell diese Interpretation wirkt. Der Pressetext beschreibt die Texte als düster und poetisch, und thematisch ist das Album zweifellos schwere Kost. Musikalisch klingt es eher zugewandt als beklemmend, an manchen Stellen beinahe leicht. Diese Reibung zwischen Stoff und Klang macht für mich einen großen Teil des Reizes aus. Sie nimmt dem Thema das Museale, ohne es zu verharmlosen.
Zur Ausgabe: Die Veröffentlichung auf Vinyl ist eine gute Entscheidung, die Pressung klingt ausgezeichnet. Dazu gibt es ein Textbuch mit allen Lyrics und Credits sowie eine gefütterte Innenhülle. Schade nur, dass es lediglich schwarzes Vinyl gibt, hier hätte eine farbige Variante dem besonderen Charakter der Platte gut gestanden.
Einen direkten musikalischen Vergleich kann ich ehrlicherweise nicht ziehen, so etwas habe ich schlicht noch nicht gehört. Vom Gefühl her hat mich das Hören am ehesten an die Vorbereitung unserer Platten-Panorama-Folge mit Hannes Wittmer erinnert. Hannes erzählt allerdings vor allem Persönliches, während Moravek Geschichten erzählt, in denen man versinken kann.
Wie oft ich GEORG auflegen werde, weiß ich noch nicht. Hintergrundmusik ist das keine, und das will es auch nicht sein. Aber für eine nachdenkliche Stunde auf der Couch ist diese Platte großartig. Meine Empfehlung: unbedingt mal reinhören.