Gregor Schor und das Größte Gemeinsame Vielfache - Am Grund

10.04.2026 | Dennis Gerke

JazzSick Records, VÖ 10.04.2026, CD, LP, digital.

Fast hätte ich diese Platte links liegen lassen. Das Cover mit seiner 90s-Retro anmutenden Grafik spricht mich schlicht nicht an, und bei einem Debüt ohne bekannten Namen ist die Hülle nun mal der erste Kontakt. Dann lag die Nadel in der Rille, und nach wenigen Minuten war die Sache entschieden: Das hier ist ganz große Bigband-Musik. Selten hat mich ein Artwork so in die Irre geführt.

Ein paar Fakten zur Einordnung. Gregor Schor, Jahrgang 1993, kommt aus Leverkusen, fand über die Klarinette und später das Saxophon zum Jazz und studierte in Köln, Mainz und schließlich Frankfurt, wo er im Masterstudiengang Bigband seinen Schwerpunkt aufs Schreiben legte. Dort kam er mit Größen des zeitgenössischen Bigband-Fachs wie Maria Schneider, Guillermo Klein und Darcy James Argue in Kontakt und sammelte Studioerfahrung mit der HR-Bigband. Nebenbei gründete er 2018 mit Vroni Frisch und Maximilian Shaikh-Yousef die Bigband Projekt Orion und engagiert sich seit 2019 beim Mainzer Verein Tonkult für die freie Jazzszene. Am Grund ist sein erstes eigenes Album, eingespielt mit einer siebzehnköpfigen Band, die er sich gemeinsam mit Frisch dirigierend teilt. Sieben Stücke, knapp eine Stunde Musik.

Was mich sofort gepackt hat, ist die Selbstverständlichkeit, mit der dieses Orchester zwischen den Extremen wechselt. Da gibt es intime Passagen, in denen einzelne Stimmen aus dem Ensemble herausgehoben und regelrecht gefeiert werden. Und dann kippt das Ganze in groß aufgezogene Tutti-Momente, die so filmreif klingen, dass sie problemlos James-Bond-Actionsequenzen tragen könnten. Diese Wucht wirkt nie aufgesetzt, sie wächst aus dem Material. Das Rondo-Magazin hörte in Schors Schreibweise unter anderem die Klangsprache Maria Schneiders, und dieser Vergleich trifft für mich den Kern: Hier denkt jemand die Bigband nicht als Nostalgieapparat, sondern als Farbkasten, aus dem er Kammermusikalisches genauso holt wie orchestrale Breitwand.

Einen Einwand habe ich trotzdem, und der ist ehrlicherweise Geschmackssache. Mir fehlen über die Distanz manchmal die eingängigen Melodien, die Themen, die man nach dem Hören mitnimmt. Die Stücke leben von Textur, Dynamik und Arrangement, weniger von Motiven, die sich festhaken. Wer Bigband über Ohrwürmer definiert, wird hier gelegentlich ins Leere greifen. Mich versöhnt der schiere Klang damit fast vollständig, aber verschweigen will ich es nicht.

Denn klanglich ist diese Produktion ein Ereignis. Die von Stefan Deistler betreute Aufnahme stellt einen mitten in den Raum, alle Instrumente klingen wunderbar und bleiben selbst in den dichtesten Passagen sauber voneinander unterscheidbar. Das ist bei siebzehn Musikerinnen und Musikern sicher keine Kleinigkeit. Auch die physische Ausgabe versöhnt mit dem Cover: Das Album kommt als Gatefold auf zwei Platten, die mit Türkis und Blau die Farben des Artworks aufnehmen und dazu einen schwarzen Rauchschleiereffekt tragen. Aufgelegt sieht das deutlich besser aus als die Hülle vermuten lässt.

Bleibt als Fazit eine Erkenntnis, die über diese Platte hinausgeht: Ein Debüt kann fertiger klingen als manches Spätwerk. Am Grund wirkt nicht wie ein erster Versuch, sondern wie das Ergebnis von Jahren des Schreibens, Arrangierens und Organisierens, die sich hier entladen. Wer deutschen Bigband-Jazz für ein Auslaufmodell hält, sollte sich von diesem Album eines Besseren belehren lassen, am besten auf Vinyl. Und wer die Band live erleben will: Am 24.09. spielt sie in der Frankfurter Romanfabrik.

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Das Größte Gemeinsame Vielfache, Gregor Schor.