Axel Fischbacher Trio feat. Tamara Lukasheva & Ohad Talmor - normal II

29.05.2026 | Dennis Gerke

JazzSick Records, VÖ 29. Mai 2026, LP.

Manche Platten machen es einem schwer, weil die Erzählung drumherum größer ist als die Musik darin. normal II kommt mit großem Anspruch: Jazz als Haltung, Musikerinnen und Musiker unterschiedlicher kultureller Herkunft auf einer Bühne, das Peace-Zeichen von 1969 als bewusst gewähltes Cover. Das ist eine Ansage. Und genau daran muss sich das Album messen lassen.

Zur Einordnung: Axel Fischbacher ist eine feste Größe der deutschen Jazzszene, Jahrgang 1956, geprägt unter anderem durch Unterricht bei John Scofield und John Abercrombie, seit Jahrzehnten als Bandleader, Produzent und Konzertveranstalter im Rheinland aktiv. normal II knüpft an das Album normal. von 2015 an, auf dem Saxofonist Ohad Talmor schon dabei war, damals in New Yorker Besetzung eingespielt. Diesmal bildet Fischbachers eingespieltes Trio mit Nico Brandenburg am Bass und Tim Dudek am Schlagzeug die Basis, erweitert um Talmor und die Sängerin Tamara Lukasheva. Zu hören sind sechs Kompositionen des Bandleaders.

Was man hört, ist zeitgenössischer Jazz in klassischer Machart. Gitarre, Kontrabass, Schlagzeug, dazu Saxofon, Klarinette und Stimme. Alles sitzt. Die Band reagiert aufeinander, lässt sich Raum, niemand drängt sich vor. Das Klangbild ist aufgeräumt, jedes Instrument bleibt ortbar. Aber genau hier beginnt mein Problem. Bei Musikern mit dieser Erfahrung und einem Label im Rücken ist gutes Zusammenspiel keine Auszeichnung, sondern die Eintrittskarte. Es ist das Handwerk, das man voraussetzen darf. Eine Platte, deren stärkstes Argument die Professionalität ihrer Ausführung ist, hat noch nichts erzählt.

Die versprochene kulturelle Vielfalt der Besetzung bleibt für mich weitgehend Behauptung. Auf dem Papier klingt das interessant, im Hörergebnis schlägt es sich kaum nieder. Am ehesten noch im Gesang, und ausgerechnet der ist meine größte Hürde. Das Album beginnt mit Vokalisen, also textlosem Gesang, der mit Kunstlauten Melodielinien nachzeichnet und unisono mit den Instrumenten läuft. Diese Tradition hat im Jazz ihren festen Platz, und ich weiß, dass viele sie als eigenständige Instrumentalstimme schätzen. Bei mir stellt sich der gegenteilige Effekt ein. Statt eine weitere Klangfarbe zu hören, höre ich eine Manier, die mich aus der Musik wirft. Das ist Geschmack, aber wer mit Jazzgesang dieser Art fremdelt, wird hier gleich zu Beginn abgeholt und wieder abgesetzt.

Es fehlen mir außerdem Melodien, die bleiben. Nach mehreren Durchgängen kann ich kein Thema mitsummen und keinen Song benennen, der aus dem Rahmen fällt. Auch solistisch passiert nichts, was mich überrascht hätte. Ich mag Jazz, der etwas riskiert: ungewöhnliche Instrumentierung, freie Passagen, die wirklich ausbrechen, Fieldrecordings, Reibung. Wer wie ich in diese Richtung hört, etwa zu GoGo Penguin oder in experimentellere Ecken, findet auf normal II wenig Anknüpfungspunkte. Das Album wechselt zwar zwischen Struktur und offeneren Momenten, bleibt dabei aber stets im sicheren Bereich.

Zur physischen Ausgabe: Schwarzes Vinyl, das leise läuft und gut klingt, dazu eine ungedruckte, aber immerhin gefütterte weiße Innenhülle. Das Artwork ist eine Wachsstift-Kritzelei des Peace-Zeichens, konsequent reduziert, fast demonstrativ anspruchslos. Man kann das als Statement lesen. Ich lese es eher als Sinnbild der ganzen Platte. Die Geste ist groß, die Ausführung karg.

Mein Fazit: Wer melodischen zeitgenössischen Jazz mit Gesang mag und Wert auf organisches Zusammenspiel legt, macht mit normal II nichts falsch. Für mich löst das Album sein eigenes Versprechen nicht ein. Der politische Rahmen ist größer als das, was musikalisch darin stattfindet. Am Ende ist das die eigentliche Pointe dieser Platte: Sie beweist unfreiwillig, dass Haltung im Jazz nicht im Konzept entsteht, sondern im Risiko. Ich hätte mir gewünscht, dass die Musik so unbequem ist, wie das Cover es behauptet.

Live gibt es das Programm demnächst wieder zu hören: vom 5. bis 11. Oktober 2026 ist die Band auf normal II Tournee.

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Axel Fischbacher Trio.